Ethik im digitalen Raum

Eine Definition ethischen Handelns ist aus idealistischer Sichtweise wünschenswert - in der Praxis jedoch durch unterschiedliche moralische Gesellschaftswerte in verschiedenen Kulturen einer kontroversiellen Diskussion ausgesetzt. Durch die Globalisierung der Wirtschaft - gerade die "Digitalen Medien" sind spezifischer Ausdruck dieser Globalisierung - sind wir in der Situation, uns mit unterschiedlichen Moralen diverser Kulturen auseinandersetzen zu müssen.
Dies mag auf den ersten Blick nicht wirklich relevant erscheinen - es ist jedoch naheliegend, dass Unternehmensstrukturen in Mitteleuropa anders gewachsen sind, als dies zum Beispiel im den USA - Schlagwort "Protestantische Ethik " der Fall war.

Europäische Unternehmen (vor allem an der Börse notierte) haben z.B. ihre Buchführung und die Bilanzen auf das in den USA gängige System umgestellt, um im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu sein (bleiben). Daran sieht man nur eine der vielfältigen Auswirkungen. Unternehmen, die im Bereich der "Digitalen Medien " handeln, sind damit dem jeweils ursprünglichen Gesellschaftsraum entwachsen und haben sich an "neuen" ethischen Kriterien zu orientieren. Dies trifft auf alle im Internet tätigen Unternehmen zu. Viele Geschäftsmodelle orientieren sich damit nicht an den ethisch moralischen Grundlagen des Herkunftslandes (des Unternehmens und der Verantwortlichen in diesen Unternehmen) sondern an dem tatsächlich technisch Machbaren - besonders des technisch Machbaren im Bereich der Speicherung und Auswertung von Information jeder Art und jeder Menge. Die Herausforderung für die Geschäftsmodelle ist, aus jeder angefallenen Information möglichst viel an wirtschaftlichem Nutzen (= Umsatz) zu generieren.
Dies bedingt einerseits das Sammeln und Auswerten von Daten, damit die Kenntnis von Wünschen und Interessen der Nutzer/innen von digitalen Informationen, andererseit das Generieren von Inhalten(= Content / Information) um diese Nutzer/innen auf die eigenen Internet-Plattformen zu bringen.
Das sogennante Web 2.0 ist ein Schritt, der es Unternehmen ermöglicht, mit Inhalten, die Nutzer/innen selbst generieren, beide vorher genannten Grundbedingungen für ein erfolgreiches Geschäftsmodell zu erfüllen.

Verschiedene ethische Fragestellungen, die sich dabei ergeben

- der Schutz der Privatsphäre des/der Einzelnen (eine wesentliche Grundlage der demokratischen Staatsform)
- die Diskussion über Facebook (die Veröffentlichung privater Information zur Selbstdarstellung)
- personalisierte Suchergebnisse bei Google (persönlich passende Information zur Profitmaximierung des Unternehmens - grenzt an Manipulation)
- Buchdigitalisierung durch Google (für Verlage in verschiedenen Ländern offensichtlich eine geschäftsschädigende Praxis der Copyright Verletzung)
- Personensuche wie 123people.com (die Unterstützung voyeuristischer Tendenzen mit der Darstellung, als könnte man Informationen über eine Person wirklich sammeln)

werden von den meisten Nutzer/innen solcher Dienste nicht wahrgenommen, weil die (gelernten) moralischen Gesellschaftsstrukturen der realen sozialen Umwelt als Maßstab vorausgesetzt sind.
Das heisst, jeder von uns geht davon aus, dass die Grundwerte seiner sozialen Umgebung in gewisser Ausprägung gelten und er/sie wird dies auch in seinem/ihrem Umgang mit den digitalen Medien so handhaben. Ein hauptsächlicher Aspekt dabei ist weiters die Einschätzung eines kurzfristigen Vorteils als überlegen gegenüber dem möglichen Verlust eines abstrakten Wertes in der Zukunft. Es ist so leicht verständlich, dass in diversen Userforen Stimmen, die auf diese Problematik hinweisen, als paranoid dargestellt werden.
Die Kluft zwischen dem technisch Machbaren und den moralisch, ethischen Werten einzelner Kulturen wirkt sich in Europa stark in Tendenzen der Gesetzgebung aus - siehe Diskussion über die EU-weite Vorratsdatenspeicherung, die Einführung einer Zensur des Netzes wegen Kinderpornographie oder die Kontrolle der einzelnen Nutzer/innen bezüglich Copyright Verletzungen (three strikes out / Frankreich) Ethisch, moralische Fragen im Zusammenhang mit Internet-Unternehmen stehen also in einem Spannungsbogen zwischen dem Unternehmensmodell - dies wird meist auf dem Sammeln und Auswerten von Nutzerdaten basieren - und den Regeln, die politisch Verantwortliche für den Raum des Internets aufstellen wollen.

Die Interessen, die Unternehmen und Politik dabei als Motivation dienen, scheinen zwar unterschiedlich zu sein, in der Auswirkung jedoch ähnliche Ausformungen zu bewirken, nämlich das Sammeln und Auswerten von (Verbindungs-)Daten. Wie weit die auf uns zukommenden Geschäftsmodelle und Gesetze mit den Werten von Menschrechten und Demokratie in Einklang steht, wird sich weisen.

© Walter Karban 12/2009 gekürzter Beitrag zu einer Mediendiskussion